KinderMUT: Gastbeitrag von Christin Springer

Wo hört Verständnis auf und fängt Unfairness an?

Diese Frage habe ich mir nach einigen Begegnungen mit mir Selbst, in meinem Sein als Mama eines nunmehr 6jährigen jungen Menschen, bereits öfters gestellt. Dabei geht es an dieser Stelle weniger um die Sache mit dem Verständnis für meinen Sohn und seine Bedürfnisse, als mehr um das Erwarten von Verständnis seinerseits für das Verhalten anderer und meine Schlüsselrolle in diesem zwischenmenschlichen Raum.

Versteht mich nicht falsch, Verständnis ist absolut wichtig und wertvoll, aber wir kennen alle diese Situationen, wenn heranwachsende junge Menschen beispielsweise in Spielplatzsituationen aufeinandertreffen, das Gerangel um Spielgeräte beginnt und schnell auch mal Konfliktlösungsansätze wie bspw. Schreien, Wegdrängeln,  Wegnehmen und Co. ausprobiert werden. Da greifen die Urinstinkte und man geht als Elternteil gern mal in so einen Konflikt rein, trennt die Parteien und versucht zu schlichten.

Dabei schafft man es dann vielleicht gerade noch mit Fairness zu vermitteln, zu verhandeln und Lösungsansätze vorzuschlagen, ist aber dennoch viel strenger mit dem eigenen Kind, als mit anderen – so meine These. Würde man von dem Anderen verlangen zu Teilen oder Vorzulassen? Wie oft wird aber genau das vom eigenen Kind erwartet? Welche Fairness liegt hier noch zu Grunde, welche Botschaft soll das sein und welche Muster löst das womöglich aus?

Andere und ihre Bedürfnisse  sind wichtiger als meine.“, „Ich bin weniger wert als andere und ihre Bedürfnisse.“, „Fairness gilt nur für andere.“ Sind nur einige Beispiele für Programme, die dadurch entstehen können, denn wir leben es ja genau so vor. Wir setzen genau das Signal, wenn wir uns lieber vor andere Kinder, als vor das eigene stellen.

Für mich ist es Tatsache, dass junge Menschen, ebenso wie Menschen jeden anderen Alters, in der Lage sind ihre Konflikte selber auszutragen und an neuen Situationen zu wachsen, aber das ist und bleibt die Theorie, in der Praxis sind wir alle Individuen, die unterschiedlich viel Hilfe brauchen, suchen oder gar einfordern.

Fühle ich mich nicht wohl beim Schreiben von offiziellen Briefen, hole ich mir Hilfe und das ist völlig okay. Mag ich es nicht so gern allein zwischen fremden Menschen auf einer Veranstaltung herumzustehen, nehme ich mir einen Freund oder eine Freundin mit und das ist völlig okay. Traue ich mich nicht „Nein“ zu sagen, wenn mir jemand zu nahe rückt, freue ich mich, wenn jemand anderes sich ebenfalls bedrängt fühlt, was sagt und ich so Unterstützung erfahre. Und das ist auch völlig okay.

Ist es aber okay, wenn man dem Kind hilft? Ja!!! Das ist kein Aufruf an „fremden“ Kindern herum zu erziehen oder gemein zu ihnen zu sein, aber der, wieder ein Auge mehr auch auf das eigene Kind zu haben.

Weint mein Sohn/meine Tochter bspw. weil er/sie Sand in die Augen bekommen hat, weil im Streit um die Schaukel jemand welchen geschmissen hat, könnte es so ablaufen:

„Sand fliegt. Kind weint. Anderes Kind schaukelt triumphierend. Mama kommt dazu, nimmt das weinende Kind noch in den Arm, geht mit ihm oder ihr dann aber weg und redet auf ihn/sie ein, dass es sich beruhigen soll und dann eben später schaukeln kann. Vielleicht noch ein missmutiger Blick der Mama zur Schaukel und innerliches Kopfschütteln ob der Situation.“ Das wars?! Der Konflikt bleibt beim weinenden Kind, das jetzt auch noch Verständnis haben soll. Wieso kann man dem eigenen Kind dann nicht den Rücken stärken, sich vor ihn/sie stellen und im Trösten zumindest noch zum Schaukelkind sagen, dass man das nicht in Ordnung findet und Sandschmeißen eine schlechte Idee ist? Wieso kann man nicht mit dem Vorleben des Aussprechens ein Zeichen setzen und dem eigenen Kind Brücken bauen, dass man Gefühle offen anspricht, Konflikte verbal zu lösen versucht, Schmerz in Worte fasst und mutig zu den eigenen Bedürfnissen steht? Es geht eben um mehr als Trösten. Es geht darum, Gesehen zu werden, Fairnessankerpunkte zu setzen, Gefühle nicht zu übergehen – es geht um Selbstachtung, Wertschätzung und Signale. Und es geht darum Muster zu durchbrechen, die uns und unseren Kindern nicht guttun.

Findet die eben beschriebene Situation denn dann noch zwischen dem eigenen Sohn/der eigenen Tochter und einem anderen Kind in einer Besuchssituation statt, laufen bei uns Eltern automatisch die antrainierten Programme von Friede-Freude-Eierkuchen und Nicht-Anecken ab. Man sagt dann schnell mal Sachen wie: „Du, wir sind hier aber zu Besuch.“ oder droht gar damit, dass man bei zu viel Streit das Besuchen nicht mehr wiederholt. Man sagt, dass jetzt aber Besuch da ist und der gefälligst auch mit allem spielen können darf und der vielleicht auch dieses oder jenes zu erst darf, weil man das ja sowieso immer zu Hause hat und nun mal so mit Besuchern macht. Die Wichtigkeit und der Wert der eigenen Bedürfnisse, des eigenen Selbst sinken also automatisch, gemessen an dem anderer, in Gegenwart anderer. Wirklich? Muss das so sein und sollte das so sein?

Vielleicht ist es auch okay, wenn man mal nicht teilen mag, man nicht mit Sand beschmissen werden möchte und anschließend verstehen soll, dass man das vielleicht auch noch provoziert haben soll damit, dass man eben auch auf die Schaukel wollte. Vielleicht ist es okay, wenn man eine Stimmung, eine Meinung, Bedürfnisse im Gepäck hat, die man auch nach außen verbalisiert und notfalls mit Hilfe zu einem fairen Punkt kommt, der keinen bevorteilt. Vielleicht ist es eine gute Idee den Wert von Fairness verstärkt vorzuleben und dabei das eigene Kind nicht aus den Augen zu verlieren und dafür lieber einmal mehr aneckt bei anderen Eltern oder Besuch oder Gastgebern, aber so zum einen dem eigenen Kind den Rücken stärkt und zum anderen Platz für den Ausbruch aus Mustern und Raum für neue Konfliktlösungsansätze schafft.

Alles was ich sagen will – unsere Rolle als Rückgratverstärkung, als Sprachrohrhilfe, als Abfangschutzwand gegenüber unseren eigenen Kindern ist so wichtig, so wegweisend und – kombiniert mit dem Vorleben von Fairness – ein absolut wichtiger Wert fürs Leben. Wir sollten keine Scham haben die Rolle der Mama nicht als Rolle zu sehen, sondern sie mit Liebe, Werten und Konfliktfähigkeit zu füllen.

Alles Liebe von der Grossstadtpflanze

Über die Autorin: 

Christin Springer ist als Grossstadtpflanze unter die Youtuber gegangen, stammt aus Berlin und hat ihre Basis aktuell in der Nähe von Graz, wenn sie mit ihrer Familie nicht gerade auf Workation ist. Erdung, Mamasein, Persönlichkeitsstärkung, Lebenscoaching und Begeisterungsentfaltung sind dabei nur einige ihrer Themen.

Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCrzJKjDnI4ADUQVC0vQr48w
Facebook: https://www.facebook.com/grossstadtpflanze.berlin/

2017-09-28T12:55:20+00:00

One Comment

  1. Marianne 3. Oktober 2017 at 09:58 - Reply

    Liebe Vivien, liebe Christin! vielen Dank für den tollen Artikel – er macht mich sehr nachdenklich! Wie oft stehen wir wiklich hinter unseren Kindern (egal welchen Alters) oder wie oft „genieren“ wir uns für ihr Verhalten, weil es nicht „der Norm“ entspricht???? Und vor allem, was lehren/zeigen wir ihnen dadurch????
    Den letzten Absatz finde ich echt genial: „unsere Rolle als Rückgratverstärkung, als Sprachrohrhilfe, als Abfangschutzwand gegenüber unseren eigenen Kindern ist so wichtig, so wegweisend und – kombiniert mit dem Vorleben von Fairness – ein absolut wichtiger Wert fürs Leben.“ ich hoffe ich darf den bei Gelegenheit bei einem meiner Müttepower-Tipps zitieren.

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